BIANCA OOSTENDORP, KULTURSÖLDNER-GRÜNDERIN - KULTURKOPF AM 11.09.10

Wie lernt man Faktotum?

Im Zweifel wird eine eigene Lanze gebrochen. Die entscheidende Frage lautet nicht nur: wofür? Sie lautet auch: Für wen? Denn so frei ist sie gar nicht, die freie Lanze (engl. free lance). Und nicht in jeder Hinsicht frei derjenige, der sie führt. Der free-lancer: Als Begriff aus dem Englischen in die deutsche Sprache hineingemeindet, meint er den freien Mitarbeiter. Oder die freie - also nicht qua Angestellten- oder ähnlichem Arbeitsverhältnis an den (hier eben nicht Arbeit-, sondern) Auftraggeber gebundene - Mitarbeiterin. Eine mögliche ersturkundliche Erwähnung findet sich passender Weise nicht in einem offiziellen Schriftstück, sondern in einem Roman: Sir Walter Scotts Ritterhistorie Ivanhoe. Des freee-lancers Arbeitsgerät ist keinem Lehnsherrn zugeschworen, sondern kann, nach Bedarf, quasi geleast werden. Interessanterweise rückt die deutsche Paralleletymologie nicht das Arbeitsgerät in den Blick, sondern die Bezahlung - im Söldner.
Bianca Oostendorp hat nicht immer so gearbeitet, hat nicht immer sich bemühen wollen (oder müssen), den Begriff Kultur-Söldner ironisch (und vielleicht auch ein wenig bitter) so zweischneidig zu verstehen wie das sprichwörtliche Schwert. Eine Besonderheit in Oostendorps Arbeitsbiographie der letzten Jahre ist, dass sich ihr Arbeitsort gar nicht sehr geändert hat. Es ist das Betriebsbüro der Schwankhalle. Wie man als Freischaffende Faktotum sein kann - und wie man diese Rolle dann auch noch gegenwärtig und nicht tafelsilberputzend interpretiert -, das kann man bei ihr lernen. Als vor dem Sommer ihr Vertrag als Schwankhallen-Betriebsbüroleiterin im Zuge der Weiterentwicklung des Kunst- und Künstlerhauses am Buntentorsteinweg zum free-lancer-Haus gekündigt wurde, blieb sie.

Gast

Rückblick: Das Allgäu, 1980er. Die in Holland geborene Bianca Oostendorp steht erstmals auf einer Bühne, macht mit Freunden politisches Kabarett. Nicht wissend, dass Jahre später sprachliche Spitzfindigkeiten zu einer neuen Positionsbeschreibung werden. Das engagierte Spiel und das Reiten tragen sie durch die Jugendjahre im Bayerischen wie andere Leute die Songs von The Cure oder Tocotronic. Oostendorp ahnt nicht, dass sie einmal Faktotum sein wird, dass sie einmal in Bremen sein wird, dass sie Kinder haben wird, dass sie einmal ihre Tochter zum Reiten fahren würde. Der Vater ist Ingenieur. Als Kind lebt die Familie einige Zeit in Bremen. So ist Bremen die Stadt, die ihr einfällt, als es heißt: raus hier! Sie wird Anfang der 1990er mit einem Koffer und ohne konkreten Plan auf dem Bremer Hillmannplatz stehen. Sie wird den Weg zum Jugendclub des Bremer Theater finden. Sie wird mit einigen anderen ein eigenes gründen - das Junge Theater. In der Friesenstraße heißt es: Morgens Putzen, Mittags Büro machen, nachmittags Proben, am frühen Abend Karten und Getränke verkaufen und abends auf der Bühne stehen. Viel lernen, viele Erfahrungen, gute Faktotumschule. Aber auch Auseinandersetzungen. Bis es kracht im Lebensmittelpunkt und Oostendorp das Junge Theater verlässt. Aber nicht für immer.
Ende der 1990er Jahre werden der Sohn und die Tochter geboren. Ein schmerzhaftes Beziehungsende und einen schweren Unfall später ist das Theater die Lebensrettung. Das Junge Theater ist inzwischen an den Güterbahnhof umgezogen. Bianca Oostendorp kann, mag, muss wieder einsteigen. Sie ist für Organisatorisches zuständig. Im kleinen wie im großen. 2005 dann der Umzug in die neugestaltete Schwankhalle. Oostendorp steht bis heute kaum noch auf der Bühne. Jährlich vor Weihnachten mit Langvertrauten Kolleg/innen des Bremer Ensembles spielt sie aber Kinder-, Jugend- und Erwachsenenstücke, eine neue Interpretation dessen, was früher einmal Weihnachtsmärchen hieß. Das sei gut, das sei überschaubar und vertraut. Die Arbeit in der Schwankhalle ist anders als früher, Oostendopr setzt andere Schwerpunkte, nicht zuletzt wegen ihrer Kinder. Nicht rund um die Uhr da, nicht immer ansprechbar zu sein, das sind wichtige Bausteine ihrer Interpretation der Faktotumrolle. In Zeiten wechselnder Leitungsteams übernimmt sie gemeinsam mit Kolleg/innen aus technischen und künstlerischen Abteilungen interimsmäßig die Schwanhallenleitung. Bis zur programmatischen Kündigung, die sie erst entgeistert, schließlich als selbstbewusste Kultursöldnerin zurücklässt. Auch wenn sich der Schreibtisch, das Telefon, viele innerbetriebliche Beziehungen und Aufgaben gar nicht geändert haben, bemerke sie doch, dass etwas anders ist. Etwa die Freiheit, ihre organisatorisch-logistischen Erfahrungen auch anderen kulturellen Lehnsherren oder Kleinfürsten anbieten zu können.

Sendung

Was sie an und in Bremen bewegt, was sie sich für die Schwankhalle wünscht - und für sich selbst, wer oder was sie zu Ideen bringt und wie sich die Theaterarbeit auf ihre Beziehung zu ihren Kindern auswirkt und wie anders es ist, ein Theater oder die eigene Selbständigkeit zu gründen, darüber spricht Bianca Oostendorp am 11. September 2010 beim Radiofrühstück in der Schwankhalle mit Reiner Schümer. Von 11 bis 13 Uhr live zu hören auf UKW 92,5 oder zeitlich ungebunden per Stream unter www.kulturkoepfe .de und www.weser-kurier.de

Mitwirkende
Moderation: Reiner Schümer
Gast:Bianca Oostendorp
Foto: Kay Michalak
Text: Tim Schomacker

Tickets
reservieren

Tel. 0421 520 80 70
(Mo-Fr. 10 - 15 Uhr oder AB)
Reservierung für Rollstuhlfahrerplätze empfohlen