BJÖRN HARSTE, SUPERMARKTLEITER UND BLOGGER - KULTURKOPF AM 21.05.11

Lesbarer Laden

Dass ein Supermarktleiter die Nominierten für den "Goldenen Windbeutel" von foodwatch namentlich vorstellt, ist ungewöhnlich. Zumal einige der Produkte in seinem Supermarkt verkauft werden. Aber dieser Supermarktleiter ist anders als andere Supermarktleiter. Nicht dass es den anderen automatisch egal wäre, was und wie sie da verkaufen. Doch haben die meisten Internetseite, auf der das Treiben im Supermarkt - von der Quasi-Liveberichterstattung eines aufgedeckten Ladendiebstahls über in Zeitschriftenretouren und Wassermelonenpreisentwicklung bis zu genannten Verbraucher(schutz)informationen - freundlich dokumentiert wird.

Eigentlich wollte Björn Harste Architektur und Bauwesen studieren, doch dann geschah etwas Seltsames: Der Aushilfsjob in einem Supermarkt in der Neustadt gefiel ihm so gut, dass er sich um- und für eine Ausbildung zu Einzelhändler entschied. Bald darauf ließ einer seiner Ausbilder, der inzwischen einen eigenen kleinen Supermarkt hatte, Harstes Namen fallen. Der Mensch aus der Regionalverwaltung der Einzelhandelskette hörte aufmerksam zu und meldete sich bei Harste. Das war vor 11 Jahren. Eine passende Immobilie war bald gefunden - und die Neustadt merkte nach und nach, dass sie plötzlich einen Supermarkt bekam, der Halloween feierte, dessen Tagesläufe in einem eigenen Blog dokumentiert wurden und der (wenigstens zwischenzeitlich) 24 Stunden geöffnet war.

Gast

In gewisser Weise ist in der Gastfeldstraße so ein lebendiges Archiv der Neustädterinnen und Neustädter entstanden. Während man diskret einkaufen kann, mag es sein, dass ein Wort, das man sagt, eine Geste, die man macht, eine Begebenheit, die sich ereignet, sich - selbstredend gebührend anonymisiert - beim Shopblogger wiederfindet. "Ich habe gemerkt, dass viele Dinge es wert sind, festgehalten zu werden", sagt Harste. Auch als vertrauensbildende Maßnahme gegenüber seinem gut zwanzig Mitarbeiter starken Team. Das liest sich dann so: "Eiiiiiiiiigentlich wollte der Kollege ja schnell nach Hause. Aber dann wollte er doch unbedingt noch wissen, ob das Zählbrett mit dem Kleingeld aus seiner Kasse den Aufprall auf dem Fußboden bei uns im Aufenthaltsraum gut übersteht. (...) Hat übrigens nicht geklappt." Dieser knappe Eintrag ist versehen mit einem Foto, dass einen Haufen am Boden liegendes Kleingeld zeigt. In 22 Kommentaren (binnen nicht einmal 24 Stunden!) erläutern die Kommentator/innen dann Geldwaagen und Schadenfreude, faires Arbeitgeberdasein und Regelwerke. Auch eine Art, damit umzugehen, Chef zu sein. Das Team sei schon ein besonderes, sagt Harste. "Die meisten wachsen hier sehr schnell rein - andere merken schnell selbst, dass das nicht passt."

Seit 2005 erzählt Björn Harste Verschrobenes, Komisches und auch Informatives aus seinem Supermarktalltag. Zunächst habe er damit - abgesehen vom Schreiben selbst - gar keine Absicht verfolgt, sich über ständig steigende Besucherzahlen der Internetseite fast ein wenig gewundert. Inzwischen schicken Leserinnen Fotografien von skurrilen Filialen des Einzelhandelskonzerns, die sie auf Reisen getroffen haben, basteln Leser Filmchen und Audiospots für den Supermarkt. "Unsere Stammkundschaft liest den Laden gewissermaßen mit", sagt Björn Harste. Einen Blog zu pflegen, kostet Zeit und verlangt Freude. Mit ähnlichem Enthusiasmus geht Harste auch an sein Sortiment. Es gebe schon eine Menge Freiheiten. Nicht nur mit Aktionen, sondern auch mit einem Blick auf fairen Handel, Bioprodukte und eine ungewöhnlich gut sortierte Weinabteilung gehe er auf den Stadtteil und seine Bedürfnisse ein, sagt Harste. "Typisch Björn - das ist eben auch, dass wir versuchen, wenn ein Kunde etwas will, das zu berücksichtigen." Bei aller Liebe zum Schnacken und zur Kundennähe bleibe sein Laden ja ein Supermarkt. So habe er die sechs Sunden zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang inzwischen auch wieder geschlossen. "Finanziell war das sehr lukrativ", erzählt er, "aber irgendwann habe ich mich einfach gefragt, ob ich mir für die, die dann kamen, die Nacht um die Ohren schlagen will."

Sendung

Wie die Neustadt und wie Bremen sich aus seiner Sicht entwickelt, was er macht, wenn er mal keine Regale, Waren und Kunden mehr sehen mag, worin sich seine Hassliebe zum Leergutautomaten äußert, ob er andere Blogs aufmerksam verfolgt, warum es schwer ist, mal Urlaub zu haben und wie er mit der Supermarktmusik klarkommt, davon erzählt Björn Harste am 21. Mai beim Radiofrühstück in der Schwankhalle. Von 11 bis 13 Uhr ist er als Kulturkopf bei Anja Wedig zu Gast. Live zu hören auf UKW Bremen 92,5 (radioweser.tv) oder ständig per Stream unter www.kulturkoepfe.de

Mitwirkende
Gastgeber: Andreas Schnell
Gast: Björn Harste
Redaktion: Kathrin Schäfer
Technik: Johannes Katzenberger
Foto: Kay Michalak
Text: Tim Schomacker

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