CHRISTINE BÖER, JOURNALISTIN UND GERICHTSZEICHNERIN - KULTURKOPF AM 02.04.11

Gerichtsprozesse sind quasi Moritaten

Gerichtsprozesse geben Auskunft auch über Prozesse jenseits des Procedere bei Gericht. Sie zeigen, wie Menschen in einer Konfliktsituation Maßstäbe und Spielregeln durchbrechen und entlarven dabei oft Unstimmigkeiten in einer Gesellschaft. So ist das Geschehen im Gerichtssaal einer Theaterbühne vergleichbar, auf der immer neue Schauspieler antreten um mitunter bizarre Stücke zu spielen, die in ihrer Dramatik und Tragikomik an Moritaten erinnern. Früher zeichnete Christine Böer Kostüme für die Hamburger Staatsoper. Möglicherweise hat die Nähe zur Bühne dazu beigetragen, dass Böer auf Nuancen und Details so sehr achtet. Seit Mitte der 1980er Jahre begleitet die passionierte Beobachterin spektakuläre Prozesse als Zeichnerin bei Gericht. Eine Auswahl ihrer brisanten Studien mit dem Zeichenstift ist 2010 als Buch erschienen mit dem Titel "Gezeichnete. Menschen vor Gericht". Das Buch ist ein Rückblick auf eine seltene Tätigkeit, die das Individuum – Täter und Opfer, Richter, Anwälte, Zeugen – unvoreingenommen und porträtgenau über den menschlichen Focus wiedergibt. Wird vor dem Kadi ein Fall aufgerollt, ist die Tat zwar Vergangenheit. Indes kann ein Urteil richtungsweisend sein für ähnlich gestrickte Kriminalfälle in der Zukunft.Moritaten und andere Verfahrensweisen

In Hamburg lebt  Christine Böer, die in Potsdam und Berlin aufwuchs, seit dem Bau der Berliner Mauer. Ihre Begegnung mit dem Devisenbeschaffer Alexander Schalk-Golodkowski, dem sie in die Kantine des Landgerichts Berlin-Moabit folgte, war durch das Zeichnen programmiert: "Nun sehe ich ihn das erste Mal von vorn, diesen Brocken DDR-Geschichte, diesen Bonzen par exellence. Den Händedruck auf dem Parteiabzeichen verstand er als Aufforderung im Sinne von eine Hand wäscht die andre. Wie eine Mischung aus Buddha und Seekuh trohnt er unangefochten vor seiner Tasse Tee. Ein Potentat am Plastiktisch mit abwaschbarer Decke."

Gast

Sehen gelernt habe sie im Elternhaus, sagt Böer. Der Vater war Übersetzer für Chinesisch und Japanisch. Und es hat auch eine übersetzerische Dimension, was die Tochter tut. Sie sieht sich "als Transporteurin". Dazu gehöre das Sich-Versenken in Gestik und Mimik, die Beobachtung bewusster oder unbewusster Körpersprache.  Manchmal konterkariere die Art und Weise wie jemand mit dem Fuß wippt, das, was dessen Gesicht ausdrückt. Die Zeichnung könne weglassen, hervorheben, mehrere Facetten einer Person auf ein Blatt bringen, betont sie. Die Auswahl sei das Entscheidende. Motive für eine Straftat bilden in der Regel die große und die kleine Gier und das Wechselspiel der Kräfte Macht und Ohnmacht.

Sendung

Wie sich Verfahrensweisen und Medien verändert haben, warum sie selten aber gezielt Musik hört, warum sie gern einmal Henning Scherf zeichnen würde, welche Bilanz sie nach drei Jahrzehnten in bundesdeutschen Gerichtssälen zieht, berichtet Christine Böer am 2. April 2011 beim Radiofrühstück in der Schwankhalle. Von 11 bis 13 Uhr ist sie bei Tim Schomacker als Kulturkopf zu Gast. Live zu hören auf UKW Bremen 92,5 (radioweser.tv) oder ständig per Stream unter www.kulturkoepfe.de

Mitwirkende
Gastgeber: Tim Schomacker
Gast: Christine Böer
Redaktion: Kathrin Schäfer
Technik: Johannes Katzenberger
Foto: Dölling & Galitz

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Tel. 0421 520 80 70
(Mo-Fr. 10 - 15 Uhr oder AB)
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