DIETMAR SACHSER, SCHAUSPIELER UND ÄSTHETIKPROFESSOR - KULTURKOPF AM 05.06.10

Die Neuropeptide von Millwall

Höhe plus Breite plus Tiefe des Raumes mal Anzahl des Publikums, sagte der große Hanns Dieter Hüsch einmal, und grinste verschmitzt hinter seiner Orgel hervor, auf der er konsequent und über Jahrzehnte hinweg nur drei Harmonien spielte, macht Atmosphäre. Das ist natürlich dummes Zeug. Interessanterweise aber entstand just in dieser Mischung aus Orgel, Stimme dummem Zeug und Publikum genau das: Atmosphäre. Wenn Dietmar Sachser sagt: "Und ich habe nicht einmal einen Stuhl auf der Bühne", ist das keine Klage, sondern eine Erwägung. Eine theaterästhetische. Ohne Stuhl sieht anders aus. Für die, die zuschauen. Ohne Stuhl fühlt sich anders an. Für den, der spielt. Nämlich Sachser, der in diesem Fall Saxer heißt, Didi Saxer. Das Programm "Sinnbrise" hatte vor einigen Wochen erst Premiere.
Selbst am Telefon hat er eine erstaunliche Präsenz. Gerade sei er aus Paris zurück gekommen. Schauspielworkshop an einer deutschen Schule dort. Zurück nach Bochum, wo er inzwischen lebt. Diese Stadt sei eine Herausforderung, sagt er. "Ich mag die Leute im Ruhrgebiet, aber wenn man in dieser Stadt lebt, muss man Humor haben, muss man Lust haben, auf Kuriositäten. Muss sich auch mal an eine Pommesbude stellen und einfach zuhören." Auch da kann man was lernen. Über Zungenschläge und Atmosphären. Als Hüsch sein 40stes Bühnenjubiläum feierte, war Sachser noch nicht mit der Schule fertig, lebte noch in Heidelberg. Als Hüsch 2005 starb, hatte Sachser sehr turbulente Jahre vor der Brust. Jahre, die ihn schließlich nach Bochum führten. Und ihm, der damit sicher nicht gerechnet hatte eine Professur eintrugen an der Evangelischen Hochschule, Fachbereich Ästhetische Bildung, Schwerpunkt Theater. 
Im vergangenen Jahr ist Sachser von den Bochumern abgeworben worden. Die Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung der Juniorprofessur an der Universität Oldenburg waren ins Stocken geraten. Und alles nur wegen dieses einen Buches. Es heißt Theaterspielflow und erschien im renommierten Alexander Verlag in Berlin. Es geht darin, kurz, um eine Schauspieltheorie, die quer liegt zu der klassischen Matrix aus Einfühlung hier und Distanziertheit da. Irgendwie diesseits der Stanislawski- und Brecht-Universen. Vielleicht genau das Richtige in einer Zeit, da die postdramatische Theaterauffassung selbst in Schultheatern angekommen ist. Denn es geht um den Flow. "Die Doktorarbeit, aus der dann das Buch wurde, fing mit einer Ohrfeige an", erzählt Sachser. Er war in London, Schauspielunterricht. "In Deutschland war die Ausbildung sehr an den Bedürfnissen des Repertoiretheaters orientiert", sagt er. "Darum bin ich nach England gegangen. Der spielerische, körperorientierte Zugang des "théatre de complicité" hat mich motiviert. Ich habe da ein ungeheuer kreatives Theaterschaffen gefunden." Dann kam die Ohrfeige. "Ich sollte mit einer Kommilitonin eine Tragödienszene spielen. Wir bemühten uns, aber es funktionierte nicht so richtig. Da sagte Goullier, unser Lehrer, zu ihr: ‚Kleb ihm doch mal eine!' Hat sie auch gemacht. Und in dieser Serie von Ohrfeigen, habe ich weiter gespielt, den Text weiter gesprochen. Da hat sich dieser Theaterflow eingestellt. Was ist das denn? Habe ich mich gefragt." Aus dieser Frage sind weiter geworden. An sich selbst, aber auch an andere. Sachser erzählt, wie eine viel beschäftigte Fritzi Haberlandt, der er die Bitte um ein Interview am Thalia-Theater hinterlassen hatte, sich sofort meldete. Wie Schauspielkolleginnen und Kollegen ihm signalisierten, er habe hier etwas gefunden, mit dem er nicht allein da stehe.

Gast

"Am Anfang war ich ganz unsicher beim Schreiben. Ich dachte: Das kriegst Du gar nicht in den Griff, das in Worte zu fassen." Ging dann aber doch. Er habe gemerkt, dass er hier ein Thema habe, das Schauspieler, Regisseure, Theaterwissenschaftler gleichermaßen interessierte. Sonst laufe das Schreiben über Theater ja oft nebenher. Während der Verfertigung seiner Abschlussarbeit, sei er sich nicht sicher gewesen, ob sich dafür überhaupt jemand interessiert. Auf einmal ist das anders: So jung, ohne Lehrerfahrung, ohne lange Publikationsliste eine solche Stelle zu bekommen, sei auch etwas wie eine Bestätigung. "Die ästhetische Bildung, wie sie hier in Bochum betrieben wird, geht mit reflektierter Praxis einher. Es wird ja in letzter Zeit sehr viel von Soft Skills gesprochen; ich bin aber der Meinung, dass die Schauspielerei - neben der spielerischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Rollen und so weiter - einen eigenen Bildungswert hat." Natürlich sei es ein Unterschied, ob man mit Schauspielerinnen in der arbeitet oder mit Jugendlichen, die durch ein Anti-Aggressionstraining gerasselt sind. "Man muss den verschiedenen Gruppen mit großer Offenheit und Zugewandtheit begegnen", meint Sachser. "Ein wichtiger Unterschied ist, dass ein Schauspieler unter Druck weiter spielt, ein Laie verhält sich irgendwann nur noch. Bei allen ist wichtig, dass ein großer Herausforderungscharakter da ist. Es geht um Erfahrungswerte, die eben nicht auf der Hand liegen, oder auf der Straße." Auf diesem Feld könnten Bildungsprozesse angeschoben werden, wobei man natürlich weder Garantien aussprechen, noch den Erfolg unmittelbar messen könne.
In den Zwischenräumen von Ich und Figur, von Spiel und Reagieren, von Körper und Sprache wird es interessant. Sicher kein Zufall, dass sich vermehrt Kulturmenschen und Naturwissenschaftlerinnen zusammentun, um gemeinsam den menschlichen Affektapparat zu erkunden, mithin jene Abteilungen menschlicher Existenz, die genau auf der Grenze zwischen Kontrolle und Unkontrollierbarem ihren Platz haben. In seiner Londoner Zeit, erzählt Dietmar Sachser, sei er einmal mit einem Freund, der das Hooligan-Phänomen studiert habe, zu einem Spiel des FC Millwall gegangen. Und habe am eigenen Leib als Beobachter etwas mitbekommen von der Faszination nahezu spielverregelter und choreographierter Gewalt. Muss man moralisch nicht gutheißen, klar. Aber die Faszination selbst findet ja just auf dieser Grenze statt. Gerade bei vor und nach Fußballspielen kann man oft spüren, wie sich Atmosphäre verändert. Man sieht nichts konkretes, aber man weiß - irgendwie -, dies wird so ein oder so ein Tag.
Vielleicht ist sogar ein kleines Stückchen Millwall mit dabei, wenn Saxer auf der Bühne und ohne Stuhl über gegenwärtige Sinnbrisen räsoniert. Früher hat er auch gezaubert, auch mit anderen gespielt. "Mit den vielen Verpflichtungen ist momentan fast nur das Solo möglich", sagt er. "Dies Programm ist sehr sprachlastig. Heute finde ich das gut, frei von Requisiten zu sein, das bedeutet auch: mehr spielerische Freiheit. Außerdem ist es schön, sich einfach nur in den Zug setzen, fast nichts mitnehmen zu müssen. Ich kann eine Stunde vorher zum Einrichten kommen und dann gleich losspielen."

Sendung

Über die Balance von Spielen und Vermitteln, über das London, was er in seinem Kopf noch mit sich herumträgt, über die Vorfreude auf einen sommerlichen Besuch in der Mega-City Sao Paulo und über Brainstorming bei Bochumer Biersorten sprichtDietmar Sachser am 5. Juni beim Radiofrühstück in der Schwankhalle mit Gastgeber Carsten Werner. Von 11 bis 13 Uhr ist Sachser als Kulturkopf zugegen. Live zu hören auf UKW 92,5 (radioweser.tv) oder per Stream und Podcast jederzeit unter www.kulturkoepfe.de oder www.weser-kurier.de

Mitwirkende
Gastgeber: Anja Wedig
Gast: Dietmar Sachser
Foto: Kay Michalak
Text: Tim Schomacker
Redaktion: Kathrin Schäfer
Technik: Johannes Katzenberger


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