GÜRCAN ALTUN, BAUINGENIEUR, GASTRONOM, BETRIEBSBÜRO DER SCHWANKHALLE - KULTURKOPF AM 19.02.11

... immer über den Bosporus

Kaum jemand hat die Bremer Stadtmusikanten so eigenartig inszeniert wie die Anadolu-Rock-Legende Baris Manço. Irgendwann, vermutlich in den frühen 1980er Jahren, lief er mit seiner Band und einer Gitarre um den Hals links um das Rathaus herum und noch ein paar Mal durch die hansestädtische Fußgängerzone. Warum auch immer Bremen, jedenfalls wurde in der Nähe der Stadtmusikantenskulptur das Lied von kleinen Eselchen geplaybackt: Arkadasim Essek. Der Chor, der im Refrain die beiden Worte wiederholt, klingt wie die Stimmen von Alvin & the Chipmunks auf Speed. Eigentlich klinge das gar nicht so blechern, sagt Gürcan Altun. Glucksend wie ein kleiner Junge beim Feuerwerk steht er vor dem Bildschirm. In einem anderen Youtube-Video sitzen Musiker fast gelangweilt in einem Bus. Als der die Bosporusbrücke passiert, beginnen sie zu spielen. Der Busfahrer trommelt, ein Opa tanzt mit einer jungen Frau. "Das ist eine 24-Stunden-Stadt - wenn man sich da auskennt", sagt Altun über Istanbul. Hier ist er 1959 zur Welt gekommen. Hier hält er Bremen aus - und umgekehrt.
Gürcan Altun kennt sich in beiden Städten aus, so ungleich sie auf den ersten Blick auch erscheinen mögen. Immerhin haben beide einen Fluss. Sein Vater kam in den 1960ern nach Bremen. "Freunde von ihm haben ihn bei der Jobvermittlung angemeldet. Als er eine Zusage aus Bremen bekam, wusste er erst gar nicht, was das sein könnte." Er ging trotzdem nach Norddeutschland, überließ die kleine Werkstatt einigen Angestellten. 1967 holte er die Familie nach. Und Gürcan bekam eine zweite Heimat. "Ich kam hier in die Schule, ich glaube, ich war einer von insgesamt drei Ausländern in der ganzen Schule damals". Was man heute bedeutungsschwer Integration nennt, hat er ganz unkompliziert erlebt. Er erzählt von der sinnstiftenden Kraft der Kohlfahrten und davon, wie seine Eltern und er die Schulleitung überraschten, weil er am  Religionsunterricht teilnehmen wollte, von dem man ihn in eigenartiger Vor(aus)sicht befreit hatte. "Ich hatte meine Eltern gefragt, was das ist: biblische Geschichte. Da meinte mein Vater, wenn du hingehst, weißt du es..."
Kohlfahrten spielen auch heute noch eine Rolle in Altuns Leben. Einmal im Jahr wandert das ganze Schwankhallen-Team an Weser und Werdersee entlang. Gürcan Altun, der heute im Betriebsbüro des Kunst- und Künstlerhauses arbeitet, ist dem Theater schon lange verbunden. Ganz selten ist er sogar auf der Bühne zu sehen. Als stummer wie gütiger Kaiser von China etwa saß er bei einer Performance der Berliner Sängerin und Theatermacherin Cora Frost im Rollstuhl. Wegen des ruhenden Blicks auf dem Gesicht vermutlich, vor allem aber wohl aus alter Verbundenheit.

Gast

Weil seine Zwillingsbrüder über den Jugendclub des Bremer Theaters zum Gründungspool des Jungen Theaters kamen, rutschte der ältere Bruder gewissermaßen in die freie Szene. Als das Junge Theater in der Friesenstraße das erste Domizil bezog, hatte Altun - der eigentlich und immer wieder unter verschiedenen Vorzeichen Gastronom ist - einen Laden im Viertel. Hier feierten, planten (und übernachteten manchmal auch) Leute wie Tim Fischer, Susanne Betancor oder eben Cora Frost. "Das Theater hatte wenig Geld", erinnert sich Altun. "Bei Festivals oder für Premierenfeiern haben wir aus dem, was da war, was Sponsoren uns gegeben haben, etwas zusammengekocht." Später arbeitete Altun im Büro mit, organisierte Latenight-Veranstaltungen, kümmerte sich um die Baubegleitung der Schwankhalle und bis heute um deren Foyer.
Dazwischen immer wieder Istanbul. "Mit 16 hat mich mein Vater in die Türkei ‚abgeschoben', mich dort in eine Art Internat gesteckt. Damals habe ich das natürlich nicht so gesehen, aber heute bin ich ihm sehr dankbar dafür. Meine Eltern haben sich Sorgen um mich gemacht, haben um meinen Umgang gefürchtet. Es war die Zeit des linken und rechten Terrors in der Türkei, das habe ich dort erlebt. Nach dem Abitur bin ich dann nach Bremen zurück gekommen. Und  Bauwesen studiert. Eigentlich hätte es Nautik sein sollen, aber da waren alle Plätze vergeben. Weil ich ja drei Jahre in der Türkei gewesen war, brauchte ich einen Studienplatz für meine Aufenthaltserlaubnis. So kam ich zum Bauwesen. Ich habe auch ein halbes Jahr in diesem Beruf gearbeitet, aber ich brauchte andere Leute um mich herum." Als machte er da weiter, wo er schon im Studium angefangen hatte - in der Gastronomie. Mit Freunden wurde in Walle das "Morgenland" eröffnet, benannt nach einer deutsch-türkischen Popgruppe aus Köln. "Das erste, was wir da gemacht haben, war, eine Bühne aufzubauen. Es gab kulinarische Mottoabende, es gab absurdes Theater zu sehen, kleine Stücke von Dario Fo und so was." Es folgten andere Läden, darunter der erste wichtige House-Club der Stadt. "Westbam, Marusha, Dr. Motte, die haben alle bei uns aufgelegt, wir haben auch einen Wagen bei der ersten Loveparade gehabt", erzählt er.
Der Lebensweg von Gürcan Altun erscheint ebenso brüchig wie geradlinig. Es sollte ihn noch einmal in die Türkei verschlagen. Diesmal aus freien Stücken und ohne wohlmeinenden Druck der Eltern. "Das war tatsächlich eine Aussteigernummer: Ich habe meine Sachen gepackt und mit einem Freund ein Boot gekauft und eine Tauchschule aufgemacht da unten." 2001 dann die Rückholaktion. Ein Anruf aus dem Güterbahnhof, wo das Junge Theater bis zum Einzug in die Schwankhalle residierte, wende das Blatt wieder Richtung Bremen. Hier ist Altun bis heute geblieben - auch wenn er die Hansestadt ohne ein jährliches Quantum Bosporus kaum aushalten würde. So hatte er wenigstens eine Kulturhauptstadt.

Sendung

Warum ihm gefühlte Nähe und gleichzeitige Halbdistanz zum Bühnenbetrieb lebenswichtig wurde, welche Orte er abgesehen von Istanbul und Bremen noch gern aufsucht, wie er die Veränderungen der Hansestadt erlebt und wie die perfekte Kohlfahrt aussieht, erzählt Gürcan Altun am Sonnabend, 19. Februar beim Radiofrühstück mit Tim Schomacker. Von 11 bis 13 Uhr ist er als Kulturkopf zu Gast. Live zu hören auf UKW Bremen 92,5 (radioweser.tv) oder ständig per Stream unter www.weser-kurier.de sowie www.kulturkoepfe.de

Mitwirkende
Gastgeber: Tim Schomacker
Gast: Gürcan Altun
Redaktion: Kathrin Schäfer
Technik: Johannes Katzenberger
Foto: Kay Michalak

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