INA KRONENBERGER, ÜBERSETZERIN - KULTURKOPF AM 07.05.11

Die Angst der Übersetzerin vor dem Kinderlied

Auf dem Eröffnungskatalog-Cover des immer noch neuen Ungerer-Museums in Straßburg ist ein Vogel zu sehen, der einigermaßen bedrückt uns anschaut. Mit tief gesenktem Kopf, traurig herabhängenden grünen Flügeln und einem ziemlich kahlen Hinterteil. Ganz unten auf der schwarzen Fläche sind sieben Tintenfässer zu sehen, jedes andersfarbig befüllt. Und mit je einer grünen Feder in der Öffnung. Mag es der eigensinnig-fröhliche Kosmopolit Tomi Ungerer auch nicht im Sinn gehabt haben: Die Farben in den Fässchen mögen auch für verschiedene Schreib- und Zeichensprachen da stehen. Der Katalog jedenfalls steht, schwarze anderthalb Buchrücken-Zentimeter, aufrecht im Bücherregal im Wohnzimmer von Ina Kronenberger. Sie hat die Begleittexte für die deutschsprachige Katalogausgabe übersetzt. Aus dem Französischen. Wie die Romane Anna Gavaldas oder Amin Maaloufs. Die stehen auch in diesem Regal. Daneben, dazwischen Texte jüngerer (und nicht mehr ganz so junger) norwegischer Autorinnen und Autoren. Per Petterson und Dag Solstag, Linn Ullmann und Frode Grytten.
Eine eigenartige Sprachkombination, die sich die gebürtige Pfälzerin da ausgesucht hat. Vor knapp fünfzehn Jahren kam Kronenberger nach Bremen. Nicht gerade in eine verlegerische Metropole. "Bremen ist einem bei dieser Art von Arbeit nicht im Weg", sagt sie. "Aber keiner der Verlage, mit denen und für die arbeite, ist in Bremen." Da man als Übersetzerin im Grunde überall arbeiten könne, müssten die Vorzüge der Hansestadt also anderswo liegen. Beispielsweise in der Bewegung. Kronenberger spielt Volleyball, ist mit dem Fahrrad unterwegs. "Bei meiner Arbeit muss man ein wenig aufpassen, dass man nicht verschroben wird", sagt sie und lacht. Das eigene Verschrobenheitsmaß schätzt sie nicht als besorgniserregend ein, "auch wenn ich manchmal, wenn ich gerade viel an Übersetzungen arbeite, den fast branchentypischen Hang habe, sehr viel zu reden."

Gast

Die französische Sprache legte sich Ina Kronenberger früh zurecht, ging nach Paris, bevor sie in Mainz zu studieren begann. Zum Norwegischen kam sie anders. Sie habe eine Brieffreundin gehabt. Bei einem Besuch in Norwegen habe es sie genervt, dass sie die Sprache nicht konnte. Das nachzuholen, bot sich während des Studiums Gelegenheit. Sie wechselte nach Freiburg und studierte neben der Romanistik Skandinavistik. "Während des Studiums hatte ich das Gefühl, die Sprache gar nicht richtig zu können. Aber als es darum ging, literarische Texte zu übersetzen, habe ich gemerkt, das ist etwas für mich". Um sich als Übersetzerin zu etablieren, erwies sich die Kombination aus einer aus dem Lateinischen und einer aus dem Germanischen entwickelten Sprache als günstig. Denn der Markt der Übersetzerinnen aus dem Norwegischen ist nicht ganz so überlaufen. Zwei Dinge aber sind geblieben. Einerseits der Eindruck, dass gute Übersetzer/innen gewissermaßen unsichtbar agieren - "das größte Lob ist ja, dass jemand sagt: Man merkt gar nicht, dass man die deutsche Fassung liest, sondern empfindet es als Original; ein Buch muss ja schließlich in der deutschen Sprache funktionieren" -; zum anderen ließe sich die Arbeit selbst, aller Erfahrung zum Trotz, nicht beschleunigen. "Das langsame Sich-Annähern, diesen Weg kann man nicht abkürzen", sagt Kronenberger. "Ich lese einen Text bis zu sechs Mal, einmal wegen des Plots, einmal wegen der Figuren, wegen dieses oder jenes Details, und so weiter. Da bemerkt man auch die Schwächen des Ausgangstextes. Was ich da mache, das ist ja zugleich eine Interpretation des Textes." Weil es um Entscheidungen geht. Da gibt es viel Lustvolles, gelegentlich aber auch eine Loose-Loose-Situation. "Wenn in einem Roman ein norwegischer Popsong vorkommt oder ein französisches Lied, dann kann man manchmal eigentlich nur verlieren. Wenn man das Lied im Deutschen nicht kennt? Ich kann zwar ein deutschsprachiges Lied nehmen, dann  bleiben die Assoziationen, an Kindheit, zum Beispiel. Aber die Worte, die vielleicht ja für den Gesamttext oder die Geschichte wichtig sind, bleiben dann auf der Strecke. Für einen ihrer letzten Texte, hatte Anna Gavalda, die ja in vielen Sprachen erscheint, zusammen mit dem Verlag einen Kommentar herausgebracht, an dem man sich an solchen Stellen "
Die frappierendste Entwicklung auf dem Übersetzermarkt sei eine andere Art von Beschleunigung. Verlage erwarteten den Abschluss der Arbeit immer schneller. Passenderweise habe sie die Verbandsarbeit deutlich professionalisiert. Gut, wenn es um Seitensätze und anderes geht. Dafür, aber auch für den inhaltlichen Austausch gibt es nicht nur die großen Zusammenkünfte in Wolfenbüttel, sondern seit vielen Jahren auch in Bremen einen monatlichen Übersetzerstammtisch. Ina Kronenberger gehört zu einer Generation, deren übersetzerische Arbeit sich während der Etablierung des Internet als Informations- und Kommunikationsform stattfindet. Vor einiger Zeit habe sie etwa ein Kinderbuch zu übersetzen gehabt, das eine Reise um die Welt nachzeichnet. Pflanzen- und Tierarten konnte sie sich vom Schreibtisch aus aneignen.

Sendung

Durchaus auch aus sportiven Gründen hat Ina Kronenberger vor kurzem ihren ersten Krimi übersetzt. "Dieses Genre mit seinen ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten war ungewohnt. Ich musste mich in diesen Ermittlungsjargon erst einmal einarbeiten, damit ich den dann zur Verfügung hatte", erzählt sie. Wie Kommissare und Gerichtsmedizinerinnen in Krimis sprechen, das ist eine Fachsprache. Beliebte Quellen der Peinlichkeit - wenn man sie nicht als solche erkennt. "Bei intensivster Beschäftigung mit dem Text, dem Stoff, den Hintergründen kann man sich davor nie wirklich schützen. Wie der Torhüter beim Elfmeter, da kann man sehr gut - aber auch sehr schlecht aussehen." Man lerne immer etwas dazu - vor allem über die deutsche Sprache. "Man vergisst das leicht: Das ist ja die Sprache, in und mit der wir hauptsächlich arbeiten. Da kommt es manchmal vor, dass man die eigene Sprache das ganze Leben lang schon benutzt und plötzlich fallen dir bestimmte Dinge auf."

Was ihr bei ihrer Arbeit auffällt, was man mit Verlegern macht, die über die Übersetzung meckern und eigentlich den Ausgangstext meinen, was sie in Bremen hält und was sie von hier wegtreibt, was an Pfälzerischem noch in ihr ist und wie sie sich vor der eigenen Verschrobenheit schützt, erzählt Ina Kronenberger am 7. Mai beim Radiofrühstück in der Schwankhalle. Von 11 bis 13 Uhr unterhält sie sich mit Tim Schomacker. Live zu hören auf UKW Bremen 92,5 (radioweser.tv) oder jederzeit per Stream unter www.kulturkoepfe.de

Mitwirkende
Gastgeber: Tim Schomacker
Gast: Ina Kronenberger

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