KARSTEN SEIDEL, EUROPÄISCHER PROJEKTBERATER - KULTURKOPF AM 14.05.11

Postmaritimes Management

Zu den wenigen aus dem deutschen in den internationalen Sprachgebrauch hinübergewanderten Worten gehört das Hinterland. Ursprünglich bezeichnet markiert das Hinterland jene landeinwärts liegenden Gebiete, deren Gebrauch, Bebauung, Infrastruktur sich aus und mit einem Hafen entwickelt. Was hier geschieht, hängt also vom Hafen ab. In nicht wenigen europäischen Gegenden sind die Hafengebiete inzwischen selbst zu einer Art Hinterland geworden. Werft- und Umschlagplätze wurden verlagert, anhängige Produktion und Dienstleistung sind mit umgezogen. Nicht zuletzt an europäischen Flussufern und Küstenlinien kann man ablesen, wie sich der Alte Kontinent entwickelt - und damit, gelegentlich, auch die Vorstellungen von Städten selbst.

Karsten Seidel lebt selbst in einem früheren Hinterland. Der 1958 in der Nähe von Oldenburg geborene Seidel schätzt Walles "schnoddrig-ehrliche Art". Vor vier Jahren ist er in eine frühere Installateurwerkstatt gezogen. Die Küche wirkt freundlich-vorläufig eingerichtet. In der vormaligen Werkstatt stehen diverse Motorräder, an den Wänden und in den Schränken reichlich Motorradreparaturwerkzeug. Kleine Maschinchen und Apparaturen lassen eine Vorliebe für Mechanisches erahnen. In und mit einer Werkstatt zu leben, das sei ein lange schon gehegter Traum gewesen, sagt Seidel. Weil "Motorradfahren nur in Kurven Spaß" macht, zieht es die beiden immer wieder raus aus Bremen. Auf den ersten Blick erscheint das freundliche Kiez-Idyll wie ein Gegenentwurf zu Seidels sonstiger Arbeit. Hört man ihm aber zu, scheint das eine das andere doch eher zu bedingen.

Gast

Seidel gehört wahrscheinlich zu jenen Bremern, die die meisten anderen Hafenstädte besucht haben, die sich mit der jeweils eigenen Auslegung des Umbruchs herumschlagen. Die Entwicklung der Überseestadt ist da nur ein Beispiel von vielen. Er habe gesehen, dass Veränderungsprozesse anderswo auch nicht einfacher vonstatten gingen, sagt er. Und ist immer noch fasziniert von den unterschiedlichen geographischen, politischen, historischen und ökonomischen Gegebenheiten. Hier könne eine Schnellstraße in der ersten Etage trennend wirken, andernorts ein verbindendes Element sein. Städte holten ihre Flüsse unterschiedlich zurück. Die gefühlte Nähe des Hafens zum Zentrum variiere stark. In Bilbao etwa werde das Hafengebiet für die Entwicklung der Stadt tatsächlich gebraucht, was mit der geographischen Lage der baskischen Stadt zu tun habe. Undsoweiter. Gemeinsam mit Ignacio Rada Cotera aus Bilbao hat Seidel Iker Consulting gegründet. Über zehn Jahre hat der gelernte Ökonom und überzeugte "bremische Europäer" in Brüssel gearbeitet, zuvor an der Universität Bremen studiert und gearbeitet. Heute betreuen Seidel, Cotera und ihr Team europäische Projekte selbst, schaffen internationale Bezüge und helfen anderen, ihre Unternehmungen gewissermaßen zu europäisieren. "Viele Leute haben, wenn es um EU-Projekte und die entsprechenden Anträge geht, Angst vor dem Großen. Wenn man es runterbricht, ist es gar nicht so schlimm und kompliziert", sagt Seidel.

Ihre Expertise benutzen IkerConsulting vor allem, um Prozesse organisieren zu helfen. In diesen Prozessen geht es um regionale Entwicklungen, um Veränderungsprozesse von Städten und Regionen unter Berücksichtigung nicht nur ökonomischer, sondern auch historischer, kultureller und sozialer Faktoren. "Wenn man ein Projekt mit 27 Partnern aus 15 Regionen rund um die Ostsee herum macht, treffe da sehr unterschiedliche Selbstverständnisse auf einander", sagt Seidel. "Man merkt die Grenze zwischen Ost und West immer noch wahnsinnig stark. Dass viele da an einem Strang ziehen, das ist an sich schon eine Leistung." Sein beratender Beruf habe damit zu tun, auf Menschen einzugehen und das Ungesagte aus dem vielen Gesagten herauszufischen. Nicht zuletzt geht es also auch und immer wieder um Kommunikation, um Austausch. Bei technologischen, logistischen oder anderen Innovationen sogar ganz praktisch. Für den Technologietransfer stellt Iker Consulting gewissermaßen Schauräume zur Verfügung, in denen Ideen, Erfindungen präsentiert werden können vor Leuten, die vielleicht wissen, was man genau damit anfangen kann. An einer anderen Stelle des Iker-Programms geht es um strukturelle Entwicklungen. Welches sind die Schlüssel zu einer viele Faktoren berücksichtigenden Entwicklung maritimer Städte? Wie können öffentliche oder nicht-kommerzielle Einrichtungen, die sich - etwa in einer musealen Struktur - mit dem Erbe oder der Geschichte eines Ortes beschäftigen die Lücke zu den ökonomischen Entwicklungen des Ortes überbrücken? Wie lässt sich schließlich die Hinterlandentwicklung von Hafenstädten organisieren, wenn sich die Hafenstadt als maritimer Ort verändert?

Sendung

Warum er am Wochenende ungern Entscheidungen trifft, ob und wie sich das ständige Unterwegssein über die Jahre verändert hat, warum mit Hemingway und Che gerne mal einen heben gehen würde, wie viel baskisch er schon kann, warum er gerne mal mit dem Fahrrad nach Spanien fahren würde, wie Spanien, Kolumbien und Belgien sein bremisches Selbstverständnis beeinflusst haben, wer eigentlich Iker ist und wie man für die Menschen plant und nicht an ihnen vorbei, davon berichtet Karsten Seidel am 14. Mai beim Radiofrühstück in der Schwankhalle. Von 11 bis 13 Uhr unterhält er sich als Kulturkopf mit Anja Wedig. Live zu hören auf UKW Bremen 92,5 oder ständig per Stream unter www.kulturkoepfe.de

Mitwirkende
Gastgeberin: Anja Wedig
Gast: Karsten Seidel
Technik: Johannes Katzenberger
Redaktion: Kathrin Schäfer
Foto: Kay Michalak
Text: Tim Schomacker

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