MARIANNE SPIECKER-HENKE, STIMMTRAINERIN UND LOGOPÄDIN - KULTURKOPF AM 22.05.10

Wenn das piano kaputt ist

Sie sei knapp neunzig gewesen, berichtet Marianne Spiecker-Henke. "Ich habe sie angerufen - und sie klang wie ein junges Mädchen: ‚Hallo! Erna Berger!" Wenn sie das erzählt, flötet Spiecker-Henke fast selbst. Und sie setzt ihre Hände ein, um das erzählende Flöten noch zu unterstreichen. Sie selbst ist auch kein junges Mädchen mehr. Wenige Wochen nach diesem Telefonat starb Erna Berger. 20 Jahre ist das jetzt her. Und wenn sich mehr Menschen so an sie erinnern, wie Marianne Spiecker-Henke das tut, hat eine der bedeutendsten deutschen Sopranistinnen des 20. Jahrhunderts ganz schön Glück gehabt.
Hamburg. Einige Jahrzehnte früher. Als angehender lyrischer Sopran lernt Marianne Spiecker-Henke bei Berger. Die keine gute Lehrerin war, wie sie - auch wenn sie (vielleicht sogar weil sie) Fan war (und Fan blieb) - sagt. So sei das eben, wenn eine Hochschule große Namen einkauft, sich damit schmückt. Und die großen Namen dann alles mögliche gut können - außer das vermitteln, was sie gut können. "Sie war eben ein Koloratursopran. Und konnte ihr Wissen eigentlich nur denen weitergeben, deren Stimme ziemlich genau der ihren entsprach", sagt Spiecker-Henke. Eine Freundin ist Berger ihr schon geworden. Sonst hätte sie nicht im Frühjahr 1990 bei ihr angerufen.
Wie man etwas vermittelt, davon lebt Marianne Spiecker-Henke. Beruflich und emotional. In dem, was sie tut wäre sie vielleicht nicht die Expertin (und manchmal sogar Pionierin) geworden, hätte nicht eine Krankheit (besser: die Behandlung einer Krankheit) ihrer Sopranstimme ein jähes Ende gesetzt. Jedenfalls opernberufsmäßig. Es braucht schon reichlich Jahre Rückblickdistanz um darin etwas Gutes sehen zu können. Erst einmal war: Alleinsein, Unverständnis, Angst. Ärzten und Eltern zum Trotz. Die eigene Stimme wurde ihr fremd. Schlimm für eine Sängerin, schlimm für jemand, dessen Ausdrucksmittel schon in der Kindheit das Singen gewesen sei. Zunächst um zu verstehen, was da los war, studierte Marianne Spiecker-Henke Medizin. Später Phonetik. Bald gab sie Sammelbände heraus, in denen es um Stimmlippenknötchen und andere vokale Beeinträchtigungen ging. Die Logopädie steckte noch in den Kinderschuhen, und als Frau war man die eine Dame in der Fachkongressbegrüßung: Meine Herren, meine Dame.
Vieles hat sich seit dem geändert. Die Mitherausgeberinnenschaft einer Zeitschrift für Kommunikationsstörungen in einem der führenden medizinischen Verlage ist zumindest gender-mäßig keine Besonderheit mehr. Marianne Spiecker-Henke schreibt viel über das Sprechen, über die Stimme. Ihr Zugang ist geleitet von einem umfassenden, anthropologischen Interesse. Dies geht weit hinaus über die konkreten Aufgaben als Stimmtrainerin für Opernsängerinnen oder Schauspieler. Über Trainingsangebote für Lehrer, die ihren Beruf leidenschaftlich ausüben, denen aber die Stimme einen Strich durch die Rechnung zu machen droht. Die Stimme ist - in diesem umfassenden Sinne - selbst ein Kulturgut. Das merkt man vor allem, wenn sie davon erzählt, wie sie mit Betroffenen und Ärzten und Angehörigen Programme entwirft für Menschen, die nach Krankheit ohne Kehlkopf leben müssen. Dass sie nicht verstummen, ist ein sozialer viel mehr als ein medizinischer Leitgedanke. Vielleicht nicht weit entfernt von jenem griechischen Wort für Hauch, das zugleich auch Luft und Seele bezeichnet: Pneuma.

Gast

Aus einem biographischen Bruchpunkt hat sich eine veritable pneumatische Karriere entwickelt. Eine, die inmitten vieler Bäume in Bremen-Nord einen Ausgangs- und Ruhepunkt hat. Hier lebt Marianne Spiecker-Henke mit ihrem Mann. Der war früher Augenarzt. Kennen gelernt haben die beiden einander Ende der Sechziger Jahre. Einmal mehr spricht Spiecker-Henke mit den Händen, wenn sie von der Hochzeitsreise nach Indien erzählt, von der Faszination für das rhythmische Naturtalent ihres Gatten, der sich einfach zu einigen Trommlern gesetzt und das komplizierteste Zeug mitgetrommelt habe. Der ein ausgezeichneter Tänzer gewesen sei früher. Ein wichtiger Gegenpol, Ruhe- und Bezugspunkt.
Im Obergeschoss des Hauses eines der Arbeitszimmer. Ein Klavier steht da, ein Schreibtisch, ein Bücherschrank. Hinter Glas, neben medizinischer Literatur: Kaschnitz und Bachmann, Piaget und sportwissenschaftliche Lexika. Hinter den Gardinen der Garten. Baumkronen im Blick. Viele Stimmen betreue sie in ihrer Praxis am Leibnizplatz, unweit der Shakespeare Company, deren erste Generation einiges an Resonanz und vokalem Volumen bei ihr lernte, mit ihr gemeinsam entwickelte. Wenn man lange mit Stimmen arbeite, wisse man vieles über den Menschen dazu. Von den Gesprächen jenseits der Übungen. Und von der Stimme selbst. Im Sommer komme ein fast noch junger kroatischer Tenor. Zwei Generationen jünger als Berger. Er komme für längere Zeit. Zum Arbeiten. Und zu Besuch. Das lässt sich irgendwann nicht mehr trennen. Der Tenor kommt nicht erst, wenn das piano nicht mehr geht.
Empathie, Begeisterung, Dauer, Verbindlichkeit. Das sind Dinge, die immer wieder zwischen den Zeilen aufscheinen, wenn Marianne Spiecker-Henke erzählt. Hier in persönlichen Geschichten, dort in organisatorischen. Wie in der zeitweisen Verankerung am Bremer Theater. Oder als Präsidentin des Bundesverbandes der Logopäden. In einer moralischen Grundhaltung.
Geboren in Ostpreußen, nach Internierung in Dänemark aufgewachsen in Bad Oldesloe, später in Hamburg, wo die Mutter eine Stelle als Lehrerin bekam. Sie war Neusprachlerin, der Vater Naturwissenschaftler. Vielleicht wäre ihre Mutter gerne selbst Sängerin geworden, sagt Spiecker-Henke, sicher ist sie sich nicht. Mit Gewissheit kann sie von der elterlichen, vor allem der mütterlichen Unterstützung berichten auf ihrem eigenen Lebensweg.

Sendung

Welche Rolle Chrysanthemen in ihrer musikalischen Bildung spielen, warum das Cello so reizvoll ist, wann sie es Leid war, dauernd unterwegs zu sein, wie sie Städte erkundet und warum es gut ist, wenn Wellen langsam an einen Schiffsrumpf klatschen, erzählt Marianne Spiecker-Henke am 22. Mai beim Radiofrühstück in der Schwankhalle. Von 11 bis 13 Uhr unterhält sie sich mit Gastgeber Tim Schomacker. Live zu hören auf UKW 92,5 (radioweser.tv) oder per Stream und Podcast unter www.kulturkoepfe.de und www.weser-kurier.de

Mitwirkende

Moderation: Tim Schomacker
Gast: Marianne Spieker-Henke
Foto: Kay Michalak

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