RUBEN JONAS SCHNELL, MUSIKJOURNALIST UND BYTE.FM-GRÜNDER -KULTURKOPF AM 16.10.10

Radiotäter aus Leidenschaft

Sprechen wir über historische Konstellationen: Manches liegt auf der Hand. Weil es denkbar ist. Weil es gebraucht wird. So kommt es, beispielsweise, zu technischen Innovationen. Gleichwohl bedarf das Neue - so nahe liegend es sein mag - eines (oder eine Gruppe von) Menschen, die sich der Idee annehmen und sie in die Tat umsetzen. Und also zum Neuen erst machen. Das viel gelobte und binnen kurzer Zeit mit einigen Preisen und reichlich Renommee dekorierte Internetradio ByteFM zum Beispiel. So etwas zu machen, lag seinerzeit auf der Hand. Gemacht hat es aber eine Gruppe um den Musikjournalisten Ruben Jonas Schnell. "Man entscheidet sich in Wahrheit ja, was man mögen will", sagt er. In dieser Sendung sagt Schnell das, um zu erklären, warum er Los Angeles - die Nicht-Stadt - mag und San Francisco - die Noch-Stadt - ihn nie so gereizt hat. Es passt aber auch die Art und Weise, wie er Musik hört, Musik vermittelt, um Musik herum einen Radiosender baut. "Als ganz kleiner Kerl wollte ich Musiker werden", sagt Schnell, "aber dann habe ich gemerkt, mein größeres Talent liegt in der Vermittlung." Mithin im Sprechen über Musik.
Man entscheidet sich also wie man was mögen will. Die grundsätzliche Entscheidung fiel schon relativ früh: "Ich wollte mit meinem Leben nie was anderes anfangen als genau das. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen als beruflich Musik zu hören und auszuwählen." Hat er gemacht. Für den Nachtclub des Norddeutsche Rundfunk. Dazu kamen Interviews und Beiträge (nicht nur über Musik) für andere Sender. Den 42-Jährigen reizen ungenutzte Potenziale - positiv wie negativ. Die Grundidee von ByteFM hat mit beidem zu tun. Mit einem Kraftakt an den Start gestemmt, präsentiert heute eine illustre und beständig wachsende Schar von Musikjournalistinnen und Musikjournalisten (nebst anderen Kennern und Enthusiastinnen) Platten und Bands - so wie sie sich das vorstellen. Ergebnisse jeweiliger Entscheidungen, was sie mögen wollen. Mal geht es darum, aktuelle Entwicklungen zu begleiten oder interessante neue Bands zu finden und vorzustellen. Es gab aber auch einmal das Format Guilty Pleasures, in dem die Moderatorinnen und Moderatoren eine Stunde am Stück ihre peinlichsten Lieblingslieder vorspielten. Welcher Song im Archiv des gebürtigen Hannoveraners in diese Kategorie passt und warum, erzählt er am Ende der Sendung.
Als studierter Musikwissenschaftler hat Schnell kaum automatisch gelernt, wie man Musik vermittelt. "Ich habe nicht gewusst, ob ich's kann, aber ich habe es gemacht. Das war beim Bürgerradio in Freiburg, wo ich studiert habe. Das war wahrscheinlich nicht gut, aber ich habe mir viel Mühe gegeben. Du willst Radio machen? Mit deiner Stimme? Haben einige gesagt. Ich habe Stimmunterricht genommen." Und weiter gemacht. "Als Musikkonsument hatte ich immer etwas gegen diese Checkerhaltung. Gegen ‚Das musst du kennen und wenn du's nicht kennst, bist du doof' war ich immer allergisch. Man muss Leute für sich gewinnen, Hörer mit neuen Dingen zwar fordern, aber auch belohnen. Es geht nicht nur ums Musikspielen, sondern auch um Psychologie." Auch das gehört zum Credo von ByteFM: Popmusik von ihren besten Seiten zu zeigen. Den Sprung hinzubekommen: Ich spiele Dir was vor, ich erzähle dir was dazu, vielleicht magst Du es ja dann ganz von allein.

Gast

Die Radioarbeit im Medienbunker nahe dem Millerntorstadion macht - eben Arbeit. Es habe schon Momente gegen, wo Schnell sich gefragt habe: "Was machst Du hier eigentlich? Dein Leben war doch super." Seit Anfang 2008 sind die inzwischen 80 Autorinnen und Autoren auf Sendung. Gerade in der Anfangszeit - vor und nach dem Start des Sendebetriebs - habe wenig in seinem Leben Platz gehabt, als ByteFM, sagt Schnell. Ein Grimme Preis, eine Kennzeichnung als Ort im "Land der Ideen", ein Hamburger Musikpreis - das mag helfen, noch einige Reserven zu mobilisieren. "Wir machen da etwas gemeinsam, was wirklich unseren Idealen entspricht." Wie die Musik selbst hat sich auch das Musikhören in Schnells Leben verändert. "Die Zeiten, in denen ich als Jugendlicher Platten, die ich mag, wieder und wieder hören konnte, sind leider vorbei", sagt er. "Aber besser so als anders älter zu werden und sich von der Musik zu entfernen." Wie der Übertragungsweg des ByteFM-Programms ein digitaler ist, hat sich auch der Zugang zur Musik selbst gleichsam digitalisiert. "Ich muss heute nicht mehr besitzen, es reicht aus, wenn es verfügbar ist." Schon mit Blick auf die Arbeit vereinfacht das vieles. Seine Napster-Flatrate als das Recht der Teilhabe am geistigen Eigentum von anderen. Im Prinzip wie immer, abgesehen von Regalmeterbedarf (fehlt hier) und Schlagwortverzeichnis (das es hier gibt, was nicht nur dann von professionellem Vorteil ist, wenn man grad ein Stück über ein Fahrrad braucht).
Etwas verkürzt gesagt, hat der Zivildienst Ruben Jonas Schnell nach Amerika gebracht. Und Amerika ihn zum Rundfunk. "Das war nach dem Abitur gewissermaßen meine erste erwachsene Arbeit. Mit den behinderten Kindern zu arbeiten, war toll. Aber die Arbeit in diesem Laden war sinnlos erniedrigend. Ich habe in dieser Zeit sehr viel Musik gehört, viel Amirock, Countrymusik auch, und entschieden, wenn das hier fertig ist, muss ich da mal hin fahren, wo diese Musik gemacht wird. Ich bin dann hingeflogen, hab mir ein Auto gekauft und bin ganz Low-Budget herumgefahren. Gerade mit diesen zurückliegenden zwanzig Monaten empfand ich diese Freiheit als sehr wohltuend." Auf langen Autofahrten hat Schnell Radio gehört, Talk- und Musikformate kennen gelernt. Dazu: souveräner Englisch hören und sprechen. "Als ich nach Deutschland kam, war Amerika das gelobte Land, nicht unbedingt politisch gesehen, aber immerhin. Ich ging dann zum Studium nach Freiburg und ein Ziel war, wieder nach Amerika zu kommen. Irgendwann bekam ich dann auch ein Stipendium für eine kleine Stadt in Oregon. Eugene liegt zwischen Seattle im Norden und San Francisco im Süden." Zugegeben, das Amerika der Kleinstädte ist nicht unbedingt weniger einengend als das gestrenge Zivildienstregiment. Am Ende dieses Jahres ist Schnell nach Seattle gegangen - und hat für einen Radiosender gearbeitet. "Später habe ich dann in Los Angeles gelebt und dort - das ist natürlich ein schönes Privileg - mit meinem eigenen kleinen Equipment eine Sendung produziert, die im NDR Nachtclub gesendet wurde, Beiträge gemacht für andere Anstalten." Wie zu Amerika insgesamt sei auch zu Los Angeles eine Hassliebe entstanden.
Er habe mal kurz überlegt, dort zu bleiben. "Als ich dann aber hier in Deutschland war - Ende 1993 bin ich nach Hamburg gezogen -, habe ich die Gespräche in Kneipen oder bei Freunden sehr geschätzt. Sicher gibt es auch Ausnahmen, aber in Los Angeles hatte ich nicht selten das Gefühl, dass die Gespräche in Fernsehshows realer sind als die Gespräche, die man selber mit andern Menschen führt. Erneut: In Wahrheit entscheidet man sich ja, was man mögen will. Ruben Jonas Schnell mag Hamburg (von dem er bisweilen zu wenig mitbekommt für seine Begriffe), er mag das Radio (auch wenn es da, terrestrisch oder nicht, meist keinen Gesprächspartner gibt) und er mag es, wenn Kinder und Erwachsene zuhören können (in jeder Lebenssituation). Bremen wünscht er einen stabilen Internet-Empfang. Aber das ist eine andere Geschichte.

Sendung

Warum Countrymusik genau so interessant ist wie jedes andere Genre, wie sich ein Teil von Hamburg rund um einen neu bestückten Bunker entwickelt, welche Platten er aus dem Plattenschrank seiner Eltern gezogen hat, warum Joachim Witts Herbergsvater sein All-Time-Favourite ist, wie er sein erstes Geld mit Zigarettenstopfen für Mama und Papa verdiente und ob man das Laster der Verbissenheit ummünzen kann, davon erzählt Ruben Jonas Schnell am Schwankhallenradiofrühstückstisch. Als Kulturkopf sitzt er am 15. Oktober 2010 von 11 bis 13 Uhr seinem Gastgeber Andreas Schnell gegenüber. Live zu hören auf UKW 92,5 (radioweser.tv) oder per Stream jederzeit unter www.kulturkoepfe.de sowie www.weser-kurier.de.

Mitwirkende
Gastgeber: Andreas Schnell
Gast: Ruben Jonas Schnell
Redaktion: Kathrin Schäfer
Technik: Felix Zeglin
Text: Tim Schomacker

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