THORSTEN JÜTTNER, DIGITALISIERUNGSDIENSTLEISTER - KULTURKOPF AM 18.12.10

Nostalgie durch Technik

Sag doch auch mal was! Vor einigen Jahren hat der Hörspielmacher Hermann Bohlen ein Hörspiel gemacht. Es bestand ausschließlich aus Aufnahmen, die Menschen in ihrem privaten Umfeld gemacht hatten. Mit dem Tonbandgerät. Was zu hören ist, wurde bei Bohlen abgeliefert, auf Flohmärkten gefunden. Sein durchaus artistischer Zusammenschnitt bringt etwas heraus, was jedes einzelne Dokument gar nicht sagen könnte: Die eigenartige Dialektik von Unmittelbarer Gegenwart, vorbereiteter Nostalgie und einem häuslichen Vorsprung durch Technik. Der Satz, der - mehr oder weniger wörtlich - am häufigsten auftauchte, gab dem Stück den Titel: Sag doch auch mal was!
Im Laufe seines Lebens häuft ein Mensch eine Menge damals auf. Einiges von der Vorgeschichte seiner Gegenwart soll, sagt der Mensch, in Erinnerung bleiben. Anderes dem Vergessen gern anheimfallen. Thorsten Jüttner lebt gewissermaßen von den Dachböden anderer Leute. Denn es ist nicht sein, sondern fremder Leute Damals, das er in die Finger bekommt. Super-8-Filme, Videobänder verschiedener technischer Entwicklungsstufen, Kassetten, Tonbänder. Darauf sind Urlaubsfahrten zu sehen und Geburtstagsfeiern, Richtfeste, Einschulungen und gelegentlich sogar winzige filmische Versuche, die den Alltag einfangen, indem sie sich vom Alltag entfernen. Wenigstens ästhetisch. So ziemlich jedes Ausgangsformat kann Jüttner so bearbeiten, dass es am Ende - manchmal sogar ein wenig gereinigt und aufpoliert - wieder ins heimische Abspielgerät passt.
Was man sieht, lässt sich, sagt Jüttner, als Außenstehender manchmal nur schwer oder gar nicht entziffern. Das zu tun, ist selbstverständlich auch nicht seine Aufgabe. Aber bei der Überspielung eines Super-8-Films müsse man schon hinschauen, weil es sonst schief geht. Auch wenn die Kunden gelegentlich Komponisten sind, die ein Video für eine Performance brauchen, oder Musiker, die ein Masterband restauriert haben wollen, sind es in der Regel Privatleute, deren Bild- und Tonmaterial Thorsten Jüttner verarbeitet. Und da diese Privatleute die einzigen sind, die das lesen können, was da zu sehen und zu hören ist, komme es manchmal zu einem eigenartigen Missverhältnis von der Freude über das wieder verfügbare Stück Familiengeschichte einerseits und der Bildqualität, der Kameraführung und dem Content andererseits.

Gast

"Männer um die Sechzig kommen mit Super-8-Filmen, etwas jüngere Frauen kommen mit ihren Hi8-Tapes und ganz junge Leute bringen etwas von ihren Großeltern", sagt Jüttner. "Ursprünglich wollte ich mich auf Audio konzentrieren, aber es zeigte sich: Die Leute wollten Video." Wahrscheinlich könnte er nebenher Sozialstudien darüber betreiben, wie wer sich womit warum woran erinnert. Jüttner selbst kam vor fünfzehn Jahren aus dem Badischen nach Bremen. Freunde von ihm hatten hier ein Haus geerbt, darin war noch Platz. Jüttner hatte keine besseren Pläne und kam an die Weser. Über ein Jahrzehnt arbeitete der ausgebildete Informatiker vollzeit für Cube-Tec, eine Softwarefirma, die sich auf Archivdigitalisierung spezialisiert hat. Als Projektleiter organisierte und überwachte er die Überspielung des Archivs eines Majorlabels oder die Neuspeicherung von Bibliotheks- und Museumsbeständen. Dann machte er sich mit Audiolum selbständig - und arbeitet nur noch nebenbei für seine alte Firma.

Der Schritt in die eigenen kleinen Büroräume im Viertel machten die Digitalisierungsarbeit wieder interessant für ihn. Hinzu kamen die Privatleute mit ihren Lebensgeschichten. Jüttner erzählt, er habe für Cube-Tec Kunden in den USA besucht, die sich selbständig gemacht hätte. "Die waren nett, aber ich merkte, sie hatten von der Materie viel weniger Ahnung als ich. Da habe ich mir gedacht: Dann kann ich das auch alleine." Wir scheinen in einer Zeit zu leben, da die private Erinnerung einen passablen Markt ergibt. Mit den Kundenaufträgen kam für Jüttner, der schon als Jugendlicher an eigenen Programmen und Geräten herumgeschraubt hat, ein ungeahnter Reiz dazu. "Viele Abspielgeräte, die man für das Material, mit dem die Leute ankommen, braucht", erzählt er, "bekommt man nur noch bei eBay."

Sendung

Vom intimen Blick in fremde Familienalben, seiner Zeit in Indien, den perfekten musikalischen Momenten, vom Unterschied zwischen Entkrackeln und Entknacksen und seinem Arbeitsalltag zwischen Markt und Menschen berichtet Thorsten Jüttner am 18. Dezember 2010 beim Radiofrühstück in der Schwankhalle. Von 11 bis 13 Uhr live zu hören auf UKW Bremen 92,5 (radioweser.tv) oder jederzeit per Stream unter www.kulturkoepfe.de oder www.weser-kurier.de

Mitwirkende
Gastgeber: Tim Schomacker
Gast: Thorsten Jüttner
Redaktion: Kathrin Schäfer
Foto: Kay Michalak

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(Mo-Fr. 10 - 15 Uhr oder AB)
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