TORSTEN WOLFF, GLASERMEISTER - KULTURKOPF AM 09.10.2010

Glas ist eine Weltanschauung

Früher war mehr draußen. Sein Handwerk habe sich verändert, sagt Torsten Wolff. Habe sich nach innen verlagert. Glastischplatten, Mosaiken in Türen, Duschkabinentrennwände mit Gravuren. Er freue sich, wenn auch mal eine „stinknormale Reparatur“ dazwischen sei, sagt Wolff. Der Werkstoff selbst habe sich gar nicht so sehr verändert, seit er den Familienbetrieb am Buntentorsteinweg, über und in dem er aufgewachsen ist übernommen hat. Die Verarbeitungs- und Veredelungsmöglichkeiten sind heute andere. „Ich bin bemüht, alles umzusetzen, was technisch machbar ist.“ Das ist der interessante Teil seines Handwerks, dessen Traditionen Wolff – ohne dabei altmodisch zu wirken – als Herausforderung begreift.
Die weiträumige Umstellung von einfachem auf Isolierglas sei die größte Veränderung in seinem bisherigen Arbeitsleben gewesen, sagt er. „Im Endeffekt wurde aus dem Glaser ein Verarbeiter von Fertigteilen.“ Und auch wenn Wolff kein bisschen so wirkt als würde er der Vergangenheit übermäßig nachtrauern, weht plötzlich ein Patinabild durch den Raum, das eines Glasers vor 80 oder mehr Jahren, wie man ihn sich vielleicht vorstellt. An dieser Stelle – wir sind gerade in einem langen und schmalen Werkstattraum, in dem unter Blechlampenschirmen an textilummanteltem Kabel noch Maschinen stehen, die heute nicht mehr in Benutzung sind – an dieser Stelle weißt Wolff darauf hin, dass sein Vater (der heute mit einer Mischung aus Glasleidenschaft und Privatiersentspanntheit manchmal im Geschäft hilft) nicht wie er Glaser sei, sondern Glasschleifer. Also mit Fähigkeiten gesegnet, „die ich, wie das Schleifen von Facetten, wohl nie lernen werde.“
Heute gibt es vier Angestellte – plus den Senior, der „mehr zum Zeitvertreib, ohne des Stress des Tagesgeschäfts“ herunterkomme in die engen Werkstatträume, an die sich zur Straße hin der Laden anschließt, in dem Dutzende von Bilderrahmen – als in der Fülle bizarr-bunte Mustereckencollage – hinter dem Verkaufstresen hängen. Bereits Wolffs Vater hat den Betrieb von dessen Vater übernommen. Dessen Vater wiederum war es, der in den 1920er Jahren das Firmensortiment um Rahmen und Rahmungen ergänzte. Überhaupt erzählt der Familienbetrieb auf freundliche, aber auch etwas verschlossene Art und Weise nicht nur etwas über die Geschichte des Glaserhandwerks, sondern auch über jene der Neustadt. Wenn Wolff erzählt, wie der Innenstadtteil links der Weser „sich vom Schmuddelimage in Richtung einer heute recht ansehnlichen Wohnbebauung entwickelt habe“, schwingt ein ganz leises bisschen Stolz auch mit.

Gast

Bei der Hälfte von Wolffs Kunden ist der Weg zum Arbeitsort weniger als fünf Kilometer weit. „Wir leben von den Empfehlungen unserer Kunden“, sagt er. Auch im typisch bremisch übertragenen Sinne schätzt er die berühmten kurzen Wege. (Und wünscht Bremen – im gar nicht so übertragenen Sinne – vor allem ein schlüssiges Verkehrskonzept.) Ein paar Kilometer mehr sind’s nach Bremerhaven, wo das Segelschiff der Familie liegt. Auch wenn es gerne auch mal wieder ein längerer Törn sein könne, schätz Wolff auch die „kleinen Fluchten“ in Wesermündung und Nordsee. „Mein Vater ist über sechzig Jahre Wassersportler, da bin ich auch mit reingewachsen.“ Sogar beim Boot habe er noch etwas selbst gemacht, sagt Wolff: „Aber nur die Spiegel...“ Die mehrfache Nähe zu den Eltern ahnend, lernte Torsten Wolff nicht im elterlichen Betrieb. „Das ist vor allem für einen selber gut. Man ist nicht der Sohn vom Chef. Außerdem sind manche handwerklichen Herangehensweisen in einem anderen Betrieb auch andere.“
So brachte Wolff die eine oder andere Anregung mit in die heimische Werkstatt, wo er fünfzehn Jahre lang als Geselle arbeitete. Womit wir wieder bei der Wendung des Glaserhandwerks nach innen wären. Denn je mehr man in den Wohnungen fremder Leute zu tun hat (statt an deren Außenwänden) und je weniger die in Frage stehenden Glasflächen Gebrauchsglasflächen sind (wie etwa Außenfenster – ganz gleich, ob einfach oder isolierverglast), desto intimer ist der Blick in anderer Leute private Lebenswelten. Inzwischen sei – und das meine nicht allein Wandbekleidungs- und Möbelmoden – fast so etwas wie eine Sammlung von Menschen und ihren Lebensweisen entstanden. Wie einst aus der Lehrwerkstatt der Konkurrenz das handwerkliche Wissen, nehme er aus Kundenwohnungen gelegentlich Ideen mit, erzählt Wolff.

Sendung

Wo ihm sonst noch Ideen kommen und für was, warum er gerne mal ein richtig großes Kirchenfenster restaurieren würde, was das Verhältnis der gar nicht mal so vielen Glaserbetrieb Bremens über ihre Stadt aussagt, wie das Handwerker- und das Kaufmannsdasein in ein Leben passen und welche Bilder er sich gerne anschaut (ganz gleich, ob selbst , fremd oder gar nicht gerahmt, erzählt Torsten Wolff beim Radiofrühstück In der Schwankhalle. Am 9. Oktober ist der Kulturkopf bei Reiner Schümer zu Gast. Von 11 bis 13 Uhr live zu hören auf UKW 92,5 (radioweser.tv) oder jederzeit per Stream unter www.kulturkoepfe.de oder auf den Internetseiten des Weser-Kurier.

Mitwirkende
Gast: Torsten Wolff
Moderation: Reiner Schümer
Technik: Johannes Katzenberger
Foto: Kay Michalak
Text: Tim Schomacker
Redaktion: Kathrin Schäfer

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