UTE FALKENSTEIN, THEATERMACHERIN - KULTURKOPF AM 24.04.10

Zufall ist relativ...

Die Terrassentür öffnet sich auf ein etwas ruppiges Rasenstück, auf dem verloren ein Fußballtorsteht. Dahinter ein Baum, den einer der Herbststürme des vergangenen Jahres abgeknickt hat. Über Wiesen hinweg geht der Blick auf den bedunsteten Weyerberg. Wir sind im Teufelsmoor. "Drauf gucken geht, ganz nah dran, das ginge nicht", sagt Ute Falkenstein. Gemeinsam mit Oliver Peuker wohnt sie hier. Gemeinsam mit ihm gibt es Kinder. Gemeinsam gibt es ein Stück bisher gelebtes Leben. Gemeinsam mit ihm gibt es die Cosmos Factory - eine bewegliche Idee von Theater. Ohne festen Ort, ohne festes Ensemble. Dafür mit einem ziemlich klar umrissenen Zugang zur darstellenden Kunst. In dessen Grenzen freilich große performative Flexibilität herrscht. Auch dafür können Gemarkungen ja gut sein. Wie auch die nicht zu nahe Nähe zu Worpswede. Denn für den Außenraum des Barkenhoff entwickeln die Kosmonatuen auch in diesem Jahr wieder ein Stück.
Ob sie auch mal etwas alleine mache? "Mit dem Hund in die Hundeschule zu gehen", sagt Ute Falkenstein. Das große V und das noch größere W. "Mit Vogeler hat die Cosmos Factory ganz viel zu tun. Schon bevor wir nach Worpswede kamen, haben wir zu ihm eine erste Produktion gemacht. Ganz früher habe ich in Achim sogar im Mackensenweg gewohnt - da war der Vogelerweg nur eine Straßenecke entfernt." Als ich Ute Falkenstein frage, ob es nicht eigentlich eher Cosmos Manufaktur heißen müsse, während sie über die Produktionsweise erzählt, und nicht Fabrik, kommt das W ins Spiel: Warhol. Kunstprinzipien im 20. Jahrhundert. Lebensformen entlang der Kunstprinzipien des 20. Jahrhunderts. Das galt auch schon für Vogeler. "In diesem Sommer beschäftigen wir uns mit den Kolonieentwürfen in Ascona und Worpswede." Das setze die Vogelerarbeit fort. Schon bei frühen Recherchen seien sie auf Arbeiten des Jugendstilisten getroffen, die so gar nicht zu ihrem damaligen Bild von ihm passten: Plakate, Komplexbilder, Mondnacht in der usbekischen Wüste.

Gast

"Wie schon in der Produktion ‚Paula und Frieda' ist es uns wichtig, Worpswede mit etwas anderem zu verknüpfen." Frieda Kahlo als Künstlerinnenbiographie als Ausgangspunkt. 2010 die Frage, ob der Weyerberg den Barkenhoffmenschen auch zu einer Art Monte Verità werden sollte und konnte. Als Parallelkonstruktion zu jenem utopischen Ort am Laggo Maggiore, den der Anarchist Erich Mühsam als so befreiend empfand, als er Anfang des 20. Jahrhunderts vor der preußischen Polizeigewalt fliehen musste. Auch die eigene Biographie ist da mit drin. Wohngemeinschaften in Berlin, später Jahre in einer Hofgemeinschaft in der Nähe von Bremerhaven. Dazu die Art und Weise, wie Cosmos Theater verstehen und machen. Hoher dokumentarischer Anteil, lange Vorarbeit, die Suche nach dem Vertrauensverhältnis beim Casting. "Wir wissen nicht viel, wenn wir anfangen mit den Poroben, ahnen aber fast alles. Dieses gefühl hat sich, toi toi toi, bisher immer bestätigt. Das heißt aber auch, dass die Schauspieler Vertrauen haben müssen, sich hineinbegeben in eine solche Situation. Oliver und ich sind wie ein Schwamm, wir filtern und durchkauen das ganze Material." Dann wird probiert, improvisiert, zugespitzt.
Die Basis ist die gemeinsame Erfahrung in freien Theatergruppen. "Feste freie Ensembles, die über Jahre zusammenarbeiten, gibt es heute fast gar nicht mehr", meint Falkenstein.. "Das kann sich kaum mehr jemand leisten. An die Stelle der festen Gruppe ist der Projektzusammenhang getreten." Und in diesem gerät, wenn man sich mit Utopischen Lebensformen, die weiter reichen als bis zum nächsten Bild, beschäftigt, ist das Machen des Stücks eigentlich schon Teil davon. Auch wenn man das hinterher nicht zu sehen bekommt. "Zum ersten Mal leben wir in der Produktionszeit auf dem Barkenhoff zusammen. Für dieses Thema ist das natürlich ideal. Kommune light, haben wir das zwischenzeitlich immer genannt."
Seit 2002 gibt es das Sommertheater in Worpswede. Da haben Peuker und Falkenstein noch in Donnern gewohnt. Bei Bremerhaven. Geblieben ist neben Anregungen und Freundschaften auch die Programmierung des "Pferdestalls", einer wichtigen Spielstätte für Theater und Musik in der Stadt, die fast am Meer liegt. Wenn man so lange zusammen lebt und arbeitet, wie überrascht man sich da noch. "Es gibt diesen gemeinsamen Grundantrieb", sagt Falkenstein. "Über weite Strecken arbeitet jeder für sich, weil kaum Zeit bleibt, sich zusammenzusetzen zum Austausch. Wenn wir parallel sammeln - das können Texte sein, aber auch Objekte, die sich dann später im Bühnenbild wieder finden - gibt es schon so ein Überraschungsmoment." Andererseits erzählt Falkenstein, wie sie unlängst über den Hof neben ihrem Wohnhaus gegangen sei und irgendeinen Gegenstand dort habe herumliegen sehen. "Oliver weiß dann sofort, was ich meine, wenn ich ihm den zeige und sage, das wäre etwas für diesen oder jenen Zweck."

Sendung

Ob mit Kind und Moor noch Zeit zum Theaterschauen bleibt, was sie an ihrer Berliner Zeit vermisst, wie man Regenschirme choreographiert und wer es in der Hundeschule schwerer hat, erzählt Ute Falkenstein beim Radiofrühstück mit Gabriele Koch in der Schwankhalle - von 11 bis 13 Uhr live zu hören auf UKW 92,5 (radioweser.tv) oder per Stream und Podcast unter www.kulturkoepfe.de oder www.weser-kurier.de. (tsc)

Mitwirkende
Gastgeberin: Gabriele Koch
Gast: Ute Falkenstein
Foto: Kay Michalak

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