YASEMIN KARAKASOGLU, TURKOLOGIN UND ERZIEHUNGSWISSENSCHAFTLERIN - KULTURKOPF AM 25.06.11

Die Kurse kultureller Kapitalsorten

Es war ein Richter am Bundesverfassungsgericht, der ihre Dissertation zufällig in die Hände bekam. Im Titel stand nichts vom religiös wichtigen symbolisch hochgradig aufgeladenen und äußerst debattengarnierten "Kopftuch". Sie habe festgestellt, sagt Yasemin Karakasoglu rückblickend auf ihr Studium in Essen, dass immer mehr junge Frauen, die ganz selbstverständlich Kopftuch trugen, neben ihr studierten und den Beruf der Lehrerin anstrebten. Sie habe sich gefragt: Denken die eigentlich, dass sie so in die Schule kommen? Sie habe begonnen, sich dafür zu interessieren, wie und warum diese Frauen Lehrerinnen werden wollten und wurden. In der daraus resultierenden Doktorarbeit über muslimische Religiosität und Erziehungsvorstellungen bei angehenden Lehrerinnen kam das Kopftuch nicht vor - auf anraten ihrer akademischen Betreuerin jedenfalls nicht im Titel. Der eingangs erwähnte zufällige Juristenhandgriff mag der weiteren Karriere Yasemin Karakasoglus nicht geschadet haben.

Heute ist die 1965 in Wilhelmshaven geborene Turkologin und Erziehungswissenschaftlerin Professorin an der Universität Bremen. Nicht zuletzt mit einem offenen Brief, den sie gemeinsam mit dem Kölner Popkultur- und Migrationsforscher Mark Terkessidis 2006 in "Die Zeit" veröffentlichte und der den einseitigen und politisch bisweilen fragwürdigen offiziellen und offiziösen Umgang mit dem Islam und den Entwicklungen der deutschen Einwanderungsgesellschaft kritisierte, wurde Yasemin Karakasoglu über Bremen respektive Fachreise hinaus bekannt. "Als ich meine Dissertation geschrieben habe, war ich Ende Zwanzig, Anfang Dreißig und kam aus einer Familie, die religiös sehr wenig ausgeprägt gelebt hat. Mein Vater war dem Islam gegenüber sehr zurückhaltend eingestellt. Er kam aus einer sehr westlich und positivistisch orientierten akademisch geprägten Familie in der Türkei. Er war kein Fundamentalist in dieser Sache, sondern hat Menschen so leben lassen, wie sie sich wohl gefühlt haben. Meine Mutter ist geborene Wilhelmshavenerin und Protestantin, da habe ich so eine Idee von Toleranz mitbekommen."

Gast

Karakasoglu wuchs in Mainz auf, studierte in Hamburg und Ankara. Turkologie, dazu Politik-, Literatur- und Erziehungswissenschaften. Ihren ersten akademicshen Job hatte sie in Essen. In Deutschland geboren und aufgewachsen, habe sie in und von Ankara wissen wollen, wie es wäre, in der Türkei zu leben. Yasemin Karakasoglu leitet heute den universitären Arbeitsbereich Interkulturelle Bildung. "An meiner Arbeitsgruppe kommt man nicht vorbei, wenn man in Bremen Lehramt studiert, weil man im Rahmen des erziehungswissenschaftlichen Begleitstudiums bei uns Kurse belegen muss. Das ist der Bereich, in dem es um Heterogenität geht: sprachliche, kulturelle, ethnische, soziale. Es geht nicht mehr, wie in älteren Definitionen von interkultureller Bildung, darum, dass Migrantinnen und Migranten die Zielgruppe sind. So wie wir es heute verstehen, geht es darum, alle Menschen, vor allem natürlich diejenigen, die mit professioneller Bildungsvermittlung zu tun haben - Lehrerinnen und Lehren, zum Beispiel, oder Erzieher/innen - vorzubereiten auf eine multikulturelle Situation in ihren Klassenzimmer und den anderen Orten, wo sie tätig sind. Wichtig ist ein Verständnis für die Normalität und durchaus auch Individualität von kultureller Vielfalt, der Blick für Selbstverständlichkeiten. Die Grundidee ist, Menschen anzuregen, über sich selbst und ihr Gegenüber nachzudenken."

Ihre Eltern hätten sie "in Richtung ‚Du bist eine Brücke!' aufgebaut", sagt Karakasoglu. An dieser familiären Botschaft habe sie sich in ihrer Kindheit und Jugend reichlich abgearbeitet. Was nicht immer problemlos abgelaufen sei. Schon als Kind habe sie nach außen ein positives Bild der Türkei vertreten - in einer Zeit, das von so etwas wie "Integration" (bei allen Problemen, die man mit dieser Begrifflichkeit heute haben kann) noch wenig bis gar nichts zu hören war. "Ich glaube, dass Ressentiments sehr tief und historisch verwurzelt sind", sagt Karakasoglu. "Es sind viele Angstgebilde rund um die ‚islamische Macht' verbreitet worden, zu denen Luther und viele andere beigetragen haben. Dagegen ist die Erfahrung eines weltoffenen, eines ethisch sehr sensiblen und toleranten Islam im Spanien des 10. und 11. Jahrhunderts nicht so präsent - auch, weil sie aus christlicher Sicht nicht eben wohl gelitten war. Das sitzt, als historisches Denken sehr sehr tief und es wird auf heutige Muslime, gerade wenn deren Präsenz in manchen Gebieten der Großstädte sehr klar ist."

Sendung

Warum bei ihr die deutsche Frühstückskultur vorherrscht, ob die PISA-Panik helfen kann auf dem Weg zu neuer Bildung, was die zweifache Mutter an Gartenhängematten so schätzt, wie gut die Chancen für eine gemütliche Weltumsegelung stehen, warum sie an die Plastikledersitze des großväterlichen Autos denkt, warum Sozialforschung gern quantitativ sein darf und wie sich die Türkei immer wieder in ihre Leben geschummelt hat, erzählt Yasemin Karakasoglu am 25. Juni 2011 beim Radiofrühstück in der Schwankhalle. Von 11 bis 13 Uhr ist sie als Kulturkopf bei Janine Claßen zu Gast. Live zu hören auf UKW Bremen 92,5 (radioweser.tv) oder ständig per Stream unter www.kulturkoepfe.de

Mitwirkende
Gastgeberin: Janine Claßen
Gast: Yasemin Karakasoglu
Technik: Johannes Katzenberger
Redaktion: Kathrin Schäfer
Foto: Cindi Jacobs
Text: Tim Schomacker

Tickets
reservieren

Tel. 0421 520 80 70
(Mo-Fr. 10 - 15 Uhr oder AB)
Reservierung für Rollstuhlfahrerplätze empfohlen